Offener Brief: Ortsumfahrung Sta. Maria, Val Müstair
Der Kanton Graubünden hat vor rund einem Jahr das Umfahrungsprojekt Sta. Maria den Eidgenössischen Fachkommissionen ENHK und EKD zur Prüfung vorgelegt. Die beiden Kommissionen kamen am 20. Februar 2023 zum Schluss, dass die vorgeschlagenen Umfahrungsvarianten nicht mit
den Erhaltungszielen des Bundesinventars der Schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS)
vereinbar seien; die Zufahrten zum Umfahrungstunnel würden die Ansicht von Sta. Maria im
Landschaftsbild beeinträchtigen.
Vor wenigen Tagen hat nun der Schweizerische Nationalrat die Motion Nr. 23.3435 von Ständerat
Dr. Jakob Stark angenommen. Die Motion mit dem Titel «Das ISOS soll die bauliche Entwicklung
und Verdichtung lenken, aber nicht verhindern» sieht eine Anpassung der bundesgesetzlichen Bestimmungen zum ISOS vor. Ausgewiesene öffentliche Interessen von Gemeinden und Kantonen
werden neu als gleichbedeutend mit dem nationalen Interesse an einem Ortsbild eingestuft.
Die Motion war vorher vom Ständerat und vom Bundesrat deutlich und ohne Gegenantrag unterstützt worden. Auch in der behandelnden Kommission des Nationalrats, der UREK-N, hatte das Anliegen zwei Drittel der Mitglieder überzeugt. Diese Ergebnisse belegen einen überaus deutlichen
politischen Willen zu mehr Ausgewogenheit und Fairness in der Auslegung des ISOS.
Die klare Weichenstellung der Bundesversammlung stellt für die geplante Umfahrung von
Sta. Maria einen entscheidenden Durchbruch dar. Für die Genehmigung der Umfahrung werden
nun zwei Voraussetzungen zentral sein: Erstens muss ein ausgewiesenes öffentliches Interesse an
dem Projekt bestehen; zweitens muss eine umfassende Interessenabwägung vorgenommen worden
sein. Für Sta. Maria sind beide Voraussetzungen bereits heute erfüllt.